Ihr Lieben
Überrascht sind wir immer dann, wenn wir etwas nicht so haben kommen sehen: wenn sich die Welt durch eine plötzliche Ereignisfolge anders zeigt, als wir es erwartet haben, wenn unser Hirn etwas registriert, was nicht normal ist, nicht einem Standard entspricht, nicht dem Erwartbaren. In einer Welt im Business, wo es immer noch heisst: „what gets measured gets managed“, ist es extrem schwierig, sich vorzustellen, dass man Überraschungen überhaupt zulässt. Je intelligenter ihr seid, desto eher habt ihr ohnehin schon weit im Voraus sämtliche Möglichkeiten durchexerziert, und so werdet ihr halt auch entsprechend weniger häufig im Leben überrascht.
Die Freude auf der anderen Seite ist etwas, was als Gefühlsempfindung nahezu trivial-banal klingt. Es ist kein Ausrasten vor Glück. Es ist keine Ekstase. Es ist etwas anderes als Zufriedenheit oder das Gefühl, mit sich im Reinen oder dankbar zu sein, und doch knüpft es an all die vorher genannten Empfindungen an. Einfache Freuden. Simple Pleasures. Wenn ihr mal an eure Erfolge, an die wirklich glücklichen Stunden eures Lebens zurückdenkt, sagen wir mal in den letzten sechs Monaten, waren es dann die ganz grossen Ereignisse, die euch Freude bereitet haben? Waren es Hochzeiten, eine Taufe? Die erste Million auf dem Konto oder das Traumauto, die teure Handtasche oder der erste Bitcoin, den ihr euch geleistet habt? Oder war es eine Aneinanderreihung kleiner, simpler Freuden? Wie fühlt sich so eine Freude überhaupt an? Dafür gibt es sicher keine universelle Aussage.
Ich habe mal in den verschiedenen Sprachen recherchiert, wie Freude ausgedrückt wird, und ein paar faszinierende Betrachtungsweisen gefunden, die ich hier anfügen möchte:
- Auf Sanskrit gibt es das Wort „mudita“. Es ist die tiefe Freude über das Glück eines anderen Menschen und gehört zu den unermesslichen Geisteshaltungen im Buddhismus.
- In der südafrikanischen Sprache der Zulu gibt es das Wort „ubuntu“ – es ist ein Konzept, das so viel bedeutet wie „ich bin, weil wir sind“. Freude entsteht nicht aus Besitz, sondern aus Verbundenheit.
- „Ikigai“ bedeutet in seinem Grundtenor „der Grund, morgens mit Freude aufzustehen“. Es ist das tägliche Ja zum Leben.
- Die Japaner kennen auch noch den Ausdruck „mono no aware“: die leise Freude, die entsteht, weil alles vergänglich ist.
- „Aloha“ kennt man auf Hawaiisch, und es bedeutet so viel mehr als nur ein „Hallo“. Es beschreibt eine Haltung mit einer stillen Freude am Dasein.
- Die Navajo kennen „Hózhó“: Es beschreibt das Leben in aller Schönheit, Harmonie und Balance, wobei Freude nicht das Ziel, sondern eine natürliche Folge davon darstellt.
Es ist auffallend, dass in fast allen Kulturen zwei Arten von Freude unterschieden werden: Freude, die man empfindet (Glück, Vergnügen, Euphorie); Freude, die man kultiviert und die als Folge zwischen Menschen, also relational, entsteht, als Haltung, Praxis oder Lebensweise.
Vielleicht sollten wir alle etwas freudvoller, bewusster und manchmal auch mit weniger Erwartungen und glasklaren Vorhersagen durchs Leben gehen, damit so eine Überraschung überhaupt auf uns hereinbrechen kann. Wie ein wohlig warmer Sommerregen aus lauter kleinen Freudentropfen.
Genau das wünsche ich euch für den nun beginnenden Herbst: ganz viel Inspiration mit dieser Ausgabe und natürlich viel Freude beim Lesen, was auch immer das für euch bedeuten möge. Vielleicht lasst ihr es mich wissen?






