Franziska Füglistaler: Wie bringt man ein disruptives Ökosystem in Fahrt?

LadiesDrive.World. Franziska Füglistaler: Wie bringt man ein disruptives Ökosystem in Fahrt?

Text: Julia Diezige
Fotografie: Sabine Kuhn

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Franziska Füglistaler steht an der Spitze von Cardossier, einem der wohl spannendsten Digitalisierungsökosysteme des Landes. Es ist disruptiv und holt selbst Konkurrenten ins selbe Boot. Ein Gespräch über Interessenausgleich, Micropayments und die Zukunft dezentraler Plattformen.

Wer verstehen will, wohin Digitalisierung wirklich geht, sollte nicht nur nach Silicon Valley schauen, sondern auch in die Schweizer Automotive-Branche. Dort entsteht mit Cardossier gerade etwas, das weit über ein gewöhnliches Digitalisierungsprojekt hinausgeht. Die Plattform verbindet die Systeme von Garagen, Versicherungen, Ämtern und Herstellern direkt miteinander – intelligent und dezentral. CEO des gleichnamigen Vereins ist Franziska Füglistaler. Sie führt das innovative Ökosystem, in dem sogar direkte Konkurrenten zusammenarbeiten. Auch das macht ihre Rolle so aussergewöhnlich.


Franziska, was Cardossier tut, ist für Laien nicht auf Anhieb zu verstehen. Erklärst du es uns bitte mit einfachen Worten?
Cardossier ist eine digitale B2B-Plattform für die Schweizer Automotive-Branche. Wir digitalisieren unternehmensübergreifende Prozesse – zum Beispiel die Immatrikulation eines Fahrzeugs. Damit meinen wir echte Digitalisierung und nicht das Auslagern von Handarbeit über Webformulare oder Ähnliches. Das Besondere an Cardossier ist: Wir stellen die Schnittstellen zur Verfügung, um die Systeme der Netzwerkteilnehmer wie Garagen, Versicherungen oder Strassenverkehrsämter intelligent miteinander zu verbinden. So können die Beteiligten unsere Funktionen nutzen, aber weiterhin mit ihren eigenen Systemen arbeiten. 

Was hat dich an der CEO-Rolle bei Cardossier gereizt?
Ein Ökosystem zu leiten, an dem alle Teilnehmer einer Branche beteiligt sind, ist eine herausfordernde Führungsaufgabe. Wir sind ein Verein mit sehr unterschiedlichen Mitgliedern – darunter direkte und grosse Konkurrenten wie AMAG und Emil Frey. Gleichzeitig sitzen Behörden und weitere Partner mit am Tisch. Niemand darf dominieren, aber alle müssen profitieren. Wir bewegen uns permanent zwischen unterschiedlichen Interessen. Meine Aufgabe ist es, Überzeugungsarbeit zu leisten und das Ökosystem zusammenzuhalten und zu schützen. 

Was ist dein Rezept für diese Herkulesaufgabe?
Eine Mischung aus Diplomatie, Durchsetzungsvermögen und Kreativität. Cardossier ist disruptiv – es stellt herkömmliche Businessmodelle in Frage. Da sind Ängste, Widerstände und starke Emotionen vorprogrammiert. Als CEO bin ich dann oft der Blitzableiter und muss schwierige Situationen auffangen und Kämpfe ausfechten. Wichtig ist mir, vieles so abzufedern, dass die Mitglieder möglichst nicht direkt damit belastet werden. In heiklen Momenten heisst das: aktiv Politik betreiben, mit allen Beteiligten sprechen, Vertrauen schaffen und dafür sorgen, dass alle auf einer gemeinsamen Linie bleiben. Wichtig ist mir eine offene, transparente Kommunikation. Denn Vertrauen ist in einem Netzwerk wie dem unsrigen das A und O. 

Was sind die grössten Herausforderungen von Cardossier?
Unternehmensübergreifende Prozesse wie die Immatrikulation lassen sich nur gemeinsam digitalisieren. Das bedeutet: Am Anfang muss jeder seinen Beitrag leisten, damit später ein Mehrwert für das gesamte Ökosystem entsteht. Dieses Mindset haben noch nicht alle Unternehmen. Das heisst für uns: Wir müssen nach wie vor mit viel Ausdauer Überzeugungsarbeit leisten, damit wir möglichst viele Teilnehmende gewinnen und der Netzwerkeffekt zu spielen beginnt. 

Was treibt dich an, dich für Cardossier einzusetzen?
Die Vision dahinter: Dezentrale Systeme wie Cardossier sind die Zukunft. Wir bauen nicht einfach ein weiteres digitales Tool. Wir schaffen eine neue Infrastruktur für unternehmensübergreifende Prozesse. Cardossier kann ein Blueprint werden – über die Automobilbranche hinaus, für andere Branchen. Auch überall dort, wo in Netzwerken Daten gehandelt werden können, ist unser System relevant. 

Inwiefern?
Daten werden wertvoll, wenn man sie verkaufen kann. Dazu arbeiten wir gerade an einem Case mit dem Kilometerstand: Der Hersteller hat diese Daten direkt aus dem Auto. Wenn der Fahrzeughalter zustimmt, kann ein Occasionskäufer den letzten verifizierten Kilometerstand kaufen. Dazu braucht es aber auch ein automatisiertes Payment für Zahlungen. Da sind wir aktuell in der Konzeptionsphase mit PostFinance. Der Ansatz: Nach der Beendigung einer Transaktion werden die Rechnungsstellung und die Bezahlung automatisch ausgelöst.

Bei welchem Etappenziel ist Cardossier angekommen – und wohin führt der Weg?

Wo wir hinwollen, ist klar: Wir möchten die Standardplattform der Schweiz werden für die unternehmensübergreifenden Prozesse im Automotive-Bereich. Trotz vieler Hürden haben wir uns als Player etabliert. So läuft unser erster Prozess, der Fahrzeugwechsel, in diversen Kantonen seit drei Jahren erfolgreich. Hier ist das Ziel das schweizweite Rollout. Und wir haben weitere Projekte im Köcher: Nebst dem Datenhandel startet im Kanton Aargau demnächst ein Pilot, bei dem Garagisten neue Nummernschilder direkt vor Ort ausgeben können. So kann der Kunde innert rund 30 Minuten losfahren. Da viele Fahrzeuggeschäfte ausserkantonal sind, könnte auch diese Funktion schweizweit relevant werden. Und da sind wir wieder beim Vorteil unseres dezentralen Systems: Hat ein Teilnehmer eine Schnittstelle zu Cardossier, ist er automatisch mit allen anderen Teilnehmern im Netz verbunden. 


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Zur Person
Das Herz von Franziska Füglistaler schlägt dafür, Innovationen auf den Markt zu bringen.
Die Maschineningenieurin war CEO verschiedener Software- und Innovationsunternehmen sowie Innovationsexpertin bei Innosuisse, wo sie noch heute als Innovationsmentorin tätig ist. Den Verein Cardossier leitet sie seit der Gründung im Jahr 2019.  

Franziska Füglistaler auf LinkedIn

Veröffentlicht online am 4 Sep., 2026

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