Das Chaos – und Ich

Das Chaos – und Ich

Stille, Frieden, Ruhe, Kosmos, bisweilen Ordnungsliebe. All dies gilt als Gegenteil von Chaos.

Chaos definiert sich gemeinhin als Wirrwarr, als Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung. Kennen wir doch alle, oder? – Ich meine, in Zeiten wie diesen, umso mehr! Denn die Anzahl Kanäle, aus denen wir Informationen aktiv erhalten oder die passiv auf uns einströmen, sind schier unzählig und häufig auch unkontrollierbar geworden. Die Schnelligkeit der digitalisierten Welt ist fühlbar in ihren Auswirkungen.
Früher gabs einen postalisch zugestellten Brief, der schon mal ein paar Tage unterwegs sein konnte. Heute gibts Emails im Sekundentakt. Und nicht nur das: Mitteilungen erreichen uns auch über Whatsapp, Facebook, LinkedIn, Instagram, Xing, SMS. Nachrichten schauen wir nicht nur über das klassische TV-Gerät sondern je nach Gusto auch noch über eine App, Zattoo, Youtube…Ach, schöne neue schnelle Welt!
Und was macht all dieser Überfluss an Information im Sekundentakt mit uns? – Sie stürzt uns regelmässig ins Chaos – der Informationsreiz überflutet uns und überfordert uns gleichermassen. Und ich meine damit ein arbeitstechnisches, gedankliches, individuelles, soziales, ökonomisches, spirituelles, emotionales Chaos. Denn obwohl wir gemäss der Faktenlage in einer extrem sicheren Welt leben, in der die Menschen immer älter und älter werden, fühlen wir uns unsicher, überfordert, einsam. Die Angststörungen sind verbreiteter denn je. Die Suizidraten in der Schweiz, Deutschland, Österreich – aber auch in Japan oder den USA so hoch seit teilweise dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Alleine in der Schweiz haben gemäss Bundesamt für Statistik in den letzten 12 Monaten rund 33’000 Menschen versucht, sich das Leben zu nehmen. Mitten unter uns lebt eine halbe Million Menschen, die aktuell Suizidgenken haben. Wir leben in den reichsten Ländern dieser Welt und sind was…? Unglücklich. Ausgebrannt. Am Ende unserer Leistungsfähigkeit angelangt.

 

Und die schnelle Welt, die zunehmende Digitalisierung, die alles noch schneller werden lässt, belastet uns zusätzlich. Was macht das Chaos mit uns? – Es überfordert uns, lässt uns unsicher werden und Unsicherheit wiederum führt meist zu Ängsten. Es ist ein wahrer Teufelskreis.
Doch wo finden wir den Ausgang? – Gibt es einen Ausweg? – Ich denke wir müssen uns mit der Schnelligkeit abfinden – denn die Welt wird wohl nie mehr langsamer werden, ausser wir entziehen uns allen digitalen Angeboten, gehen weg von Social Media und beantworten keine Emails mehr. Doch für all jene, für die das keine gangbarer Weg ist, gibt es nur eines: Das Chaos umarmen und alles was kommt annehmen ohne einen Widerstand zu bieten. Denn dem Leben gegenüber kann man nicht „Ja, aber…“ sagen. Sondern nur: „Ja“. Zu allem was da kommen möge. Ganz abgesehen davon denken Sie doch mal an das Auge eines Sturms: aussen tobt der Sturm, aber Innen ist alles ruhig und friedlich. Genauso versuche ich mich durch „mein“ Chaos zu navigieren.

 

Und was ich ganz wichtig finde: Nur weil die Welt da Draussen schnell und chaotisch geworden ist, heisst das noch lange nicht, dass wir in uns drin auch schnell gehen müssen! Wir müssen uns doch nicht ständig transformieren, anpassen, optimieren, noch effizienter werden und alles einfach nur schnell-schnell abarbeiten damit wir uns dem näcshten To Do zuwenden können und dann doch mit zahlreichen unerledigten Arbeiten in den kaum vorhandenen Feierabend, in ein kaum vorhandenes Privatleben zurück kehren. Ist es wirklich das, was wir wollen und weshalb wir hier sind? – Ja. Ich finde man darf oder sollte sich sogar hin und wieder diese Sinnfrage nach dem „Wieso“ stellen. Das tut unglaublich gut!

 

Was ich mir vor über zwei Jahren kreiert habe ist ein Raum der Stille. Ein Raum ganz für mich, in dem ich das tun kann, was mir ganz alleine Spass macht und wenn es nur ist, einfach mal dazusitzen und aus dem Fenster zu schauen und dabei einen Kaffee zu trinken. Auch ich spüre regelmässig, dass ich dann zum Handy greife und irgendwas tun will. Einfach irgendwas! Weil ich das so gewohnt bin, selbst und ständig was zu tun. Aber ich bin doch kein „Doing“. Ich bin ein „Being“. Also zwinge ich mich auch mal ins Nichtstun, wenn ich mich schwer damit tue meinen eigenen Aktionismus in den Griff zu kriegen. Ich zwinge mich in die Stille. In die Ruhe. Ich steige aus dem Karrousel aus und schaue dem wilden, schwindelerregenden Treiben zu. Und dann steige ich wieder mit ein.
Ich glaube es ist der einzige Weg, wie man in diesem Chaos eine gesunde Karriere haben kann. Und ich bin erstaunt, dass mein Raum der Stille tatsächlich funktioniert, obwohl ich früher nicht mal 5 Minuten Zeit hatte um Pipi zu gehen. Alles hat seine Zeit. Bevor alles vorbei huscht an Ihnen, die Jahre, die Sommer, die Winter, die schönen Tage – steigen Sie aus und betrachten sich das Leben wieder mal ganz in Ruhe. Es wird Ihnen sowas von gut tun. Versprochen!

 

Schreiben Sie mir…

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen einen ruhigen Jahresausklang und einen ebenso stillen Jahresanfang. Ich wünsche Ihnen Mut, sich Auszeiten zu nehmen. Unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. Und ich wünsche uns allen, dass wir uns deutlich mehr Gedanken darüber machen, wie wir gemeinsam zusammenleben wollen – und wie viel wir denn noch zu leisten vermögen. Sprechen Sie doch mal darüber mit Ihren Liebsten.

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