Doch Anpassungsfähigkeit hat mit Anpassung etwa so viel zu tun wie Honig mit Zuckerwatte, auch wenn beides zuckerig und süss ist. Das macht Anpassungsfähigkeit zu einem zweischneidigen Schwert, das mit Sorgfalt gehandhabt werden will.
Gerade in Zeiten grosser Umbrüche wird lauthals nach Anpassung verlangt: Die Zeiten haben sich geändert! Es braucht neues Verhalten, Verzicht, Opfer, Umdenken! Dies wird uns zurzeit von allen Seiten zugerufen. Doch von wem? Anpassung an was genau? Anpassung wofür? Was ist denn das Ziel der neuen Ausrichtung? Was ist der neue Purpose? Wer steht dahinter?
Nehmen wir’s vorweg: Die einen verlangen Anpassung, die andern passen sich an. Zu welcher Gruppe gehörst du? Tatsache ist, dass mit Anpassung noch nie etwas Neues kreiert wurde. Das machen die andern – nämlich jene, die sich nicht anpassen. Dies bringt uns zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal: Sind die Fakten, an die wir uns anpassen müssen oder sollen, menschengemacht – oder gehören sie den Naturgesetzen an? Im ersteren Fall könnten sie auch verändert werden, vor allem durch die, die sich nicht anpassen. Im zweiten Fall wäre es töricht, sich ihnen nicht zu unterwerfen, denn Naturgesetze sind eben Naturgesetze – und solange wir Teil der „Natur“ sind, gelten sie auch für uns.
Das ändert nichts am Schlüsselerfolgsfaktor der Anpassungsfähigkeit. Die Fähigkeit, auf Veränderungen nicht nur zu reagieren, sondern sie zu antizipieren und sie proaktiv mit Innovationen und Umgestaltungen zeitnah zu nutzen, ist essenziell. Anpassungsfähigkeit hilft uns ausserdem, mit unseren Mitmenschen besser auszukommen – und, last but not least, erleichtern wir uns das Leben ungemein, wenn wir ab und zu „mit dem Flow“ gehen, statt dauernd gegen den Strom zu schwimmen. Dies macht Anpassungsfähigkeit zu einer sehr komplexen und differenzierten Kompetenz – eher wie ein kompliziertes Molekül als wie ein Atom.
Zu einer gut entwickelten Anpassungsfähigkeit gehören unter anderem:
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.
Nur so können wir unsere Denk- und Handlungsmuster hinterfragen, veraltete, nicht mehr gültige Glaubenssätze ablegen und eine Menge an Frustration verhindern – etwa dann, wenn Erfolgsfaktoren nach Paradigmenwechseln keine Erfolgsfaktoren mehr sind.
Kognitive Flexibilität, das heisst das Talent, Perspektiven zu wechseln, in Alternativen zu denken und besser mit Komplexität und Mehrdeutigkeit klarzukommen. Überleg dir als Experiment nur einmal, wie die Welt aus Sicht deiner Katze oder deines Wellensittichs aussieht. Für Fortgeschrittene: wie ein Migrant die Schweiz wahrnimmt.
Lernbereitschaft und ein „Growth Mindset“.
Das umfasst die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, Fehler als Lernchancen zu nutzen, Altes loszulassen und ein grosses Interesse an kontinuierlicher Verbesserung und Veränderung zu zeigen.
Emotionale Resilienz.
Ohne sie gelingt es uns schlecht, mit Stress, Druck und Unsicherheit umzugehen oder Rückschläge und Unglücksfälle gut zu verarbeiten. Wenn wir emotional resilienter – also stabiler – sind, haben wir in der Regel auch ein besseres Selbstvertrauen und weniger Angst. Dies einfach als Nebenwirkung.
Soziale Flexibilität und Empathie.
Damit stellen wir uns sensibler auf andere Menschen ein, sind bereiter zuzuhören, kommunizieren besser – und gestalten sowie pflegen dadurch langfristige, tragfähige Beziehungen.
Proaktive Veränderungsbereitschaft – also nicht nur reagieren, sondern aktiv das Zukünftige gestalten, Unübliches ausprobieren, Neues initiieren und Verantwortung übernehmen für die Veränderung.
Anpassungsfähigkeit ist also nicht eindimensional, sondern bedingt ganz viele Eigenschaften und Teilkompetenzen. Dies im Gegensatz zur Anpassung: Mit Anpassung schaffen wir nichts Neues, sondern wir lassen Neues schaffen. Zwar hat Anpassung durchaus nützliche Seiten: Wir gehören dazu, wir sind „Mainstream“ und kriegen und generieren wenig Widerstand, kurzum, wir sind pflegeleichter. Wir schwimmen dann halt so mit, was sich ja zwischendurch ganz angenehm und komfortabel anfühlt. Doch aufgepasst: Anpassung darf nie eingefordert werden, sondern wird freiwillig gegeben – nämlich dann, wenn du den Purpose, das Ziel, die Entwicklung mittragen willst, weil sich das für dich richtig und wünschenswert anfühlt. Warum einen eigenen Weg gehen, wenn du mit andern zusammen das Ziel schneller und sicherer erreichen kannst? Warum nicht Unterstützung bieten, wenn jemand etwas verwirklichen will, das dir ebenfalls am Herzen liegt? In diesen Fällen ist Anpassung positiv.
Kritik- und hirnlose Anpassung andererseits macht uns zu willenlosen Schafen.
Erzwungene Anpassung schafft Aggression und führt zu Sabotage und Rache. Wenn es gilt, für Ethik, Menschlichkeit und Werte einzustehen, dann ist es wichtig, die Standards hochzuhalten, zu verteidigen und dem Abwärtstrend Grenzen zu setzen. Bleib stark, wenn Stabilität, Klarheit und Kontinuität gefordert sind, denn nicht alle Veränderungen sind Verbesserungen! Schau vor allem ganz genau hin, an wen und an was du dich anpasst, denn längerfristig hat Anpassung Auswirkungen auf deinen Charakter – und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird mindestens von aussen teilweise als Identität wahrgenommen. Anpassungsfähigkeit ist demzufolge eine Kompetenz und keine Pflicht. Sie braucht Bewusstsein, Grenzen und Wertorientierung.

Flexibilität? Ja, aber nur in Balance mit Authentizität
Es ist einer dieser wunderbaren Abende: hochkarätige Vorträge mit anschliessendem Netzwerken, Essen und Trinken. Allein die Impulse der charismatischen Redner entfachen ein Feuerwerk an Ideen und Anregungen.















