Anpassung? Nein danke!

Text: Christina Kuenzle, B.A., MBA, M.S.
Bild: Ladies Drive

Ladies Drive No. 72. Anpassung? Nein danke!

Ladies Drive No. 72 (Winter 2025/2026) Cover

Anpassungsfähigkeit ist ein Schlüsselerfolgsfaktor. Nicht die Stärks­ten, sondern die Anpassungsfähigsten überleben am besten und am längsten – das zeigt die Evolution.

Doch Anpassungsfähigkeit hat mit Anpassung etwa so viel zu tun wie Honig mit Zuckerwatte, auch wenn beides zuckerig und süss ist. Das macht Anpassungs­fähigkeit zu einem zweischneidigen Schwert, das mit Sorgfalt gehandhabt werden will.
Gerade in Zeiten grosser Umbrüche wird lauthals nach Anpassung verlangt: Die Zeiten haben sich geändert! Es braucht neues Ver­halten, Verzicht, Opfer, Umdenken! Dies wird uns zurzeit von allen Seiten zugerufen. Doch von wem? Anpassung an was genau? Anpassung wofür? Was ist denn das Ziel der neuen Ausrichtung? Was ist der neue Purpose? Wer steht dahinter?
Nehmen wir’s vorweg: Die einen verlangen Anpassung, die andern passen sich an. Zu welcher Gruppe gehörst du? Tatsache ist, dass mit Anpassung noch nie etwas Neues kreiert wurde. Das machen die andern – nämlich jene, die sich nicht anpassen. Dies bringt uns zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal: Sind die Fakten, an die wir uns anpassen müssen oder sollen, menschengemacht – oder gehören sie den Naturgesetzen an? Im ersteren Fall könnten sie auch verändert werden, vor allem durch die, die sich nicht anpassen. Im zweiten Fall wäre es töricht, sich ihnen nicht zu unterwerfen, denn Naturgesetze sind eben Naturgesetze – und solange wir Teil der „Natur“ sind, gelten sie auch für uns.
Das ändert nichts am Schlüsselerfolgsfaktor der Anpassungsfähigkeit. Die Fähigkeit, auf Veränderungen nicht nur zu reagieren, sondern sie zu antizipieren und sie proaktiv mit Innovationen und Umgestaltungen zeitnah zu nutzen, ist essenziell. Anpassungs­fähigkeit hilft uns ausserdem, mit unseren Mitmenschen besser auszukommen – und, last but not least, erleichtern wir uns das Leben ungemein, wenn wir ab und zu „mit dem Flow“ gehen, statt dauernd gegen den Strom zu schwimmen. Dies macht Anpassungsfähigkeit zu einer sehr komplexen und differenzierten Kompetenz – eher wie ein kompliziertes Molekül als wie ein Atom.
Zu einer gut entwickelten Anpassungsfähigkeit gehören unter anderem:
Selbstreflexion und Selbsterkenntnis.
Nur so können wir unsere Denk- und Handlungsmuster hinterfragen, veraltete, nicht mehr gültige Glaubenssätze ablegen und eine Menge an Frustration verhindern – etwa dann, wenn Erfolgsfaktoren nach Paradigmenwechseln keine Erfolgsfaktoren mehr sind.
Kognitive Flexibilität, das heisst das Talent, Perspektiven zu wechseln, in Alternativen zu denken und besser mit Komplexität und Mehrdeutigkeit klarzukommen. Überleg dir als Experiment nur einmal, wie die Welt aus Sicht deiner Katze oder deines Wellensittichs aussieht. Für Fortgeschrittene: wie ein Migrant die Schweiz wahrnimmt.
Lernbereitschaft und ein „Growth Mindset“.
Das umfasst die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, Fehler als Lernchancen zu nutzen, Altes loszulassen und ein grosses Interesse an kontinuierlicher Verbesserung und Veränderung zu zeigen.
Emotionale Resilienz.
Ohne sie gelingt es uns schlecht, mit Stress, Druck und Unsicherheit umzugehen oder Rückschläge und Unglücksfälle gut zu verarbeiten. Wenn wir emotional resilienter – also stabiler – sind, haben wir in der Regel auch ein besseres Selbstvertrauen und weniger Angst. Dies einfach als Nebenwirkung.
Soziale Flexibilität und Empathie.
Damit stellen wir uns sensibler auf andere Menschen ein, sind bereiter zuzuhören, kommunizieren besser – und gestalten sowie pflegen dadurch langfristige, tragfähige Beziehungen.
Proaktive Veränderungsbereitschaft – also nicht nur reagieren, sondern aktiv das Zukünftige gestalten, Unübliches ausprobieren, Neues initiieren und Verantwortung übernehmen für die Veränderung.
Anpassungsfähigkeit ist also nicht eindimensional, sondern be­­dingt ganz viele Eigenschaften und Teilkompetenzen. Dies im Gegensatz zur Anpassung: Mit Anpassung schaffen wir nichts Neues, sondern wir lassen Neues schaffen. Zwar hat Anpassung durchaus nützliche Seiten: Wir gehören dazu, wir sind „Mainstream“ und kriegen und generieren wenig Widerstand, kurzum, wir sind pflegeleichter. Wir schwimmen dann halt so mit, was sich ja zwischendurch ganz angenehm und komfortabel anfühlt. Doch aufgepasst: Anpassung darf nie eingefordert werden, sondern wird freiwillig gegeben – nämlich dann, wenn du den Purpose, das Ziel, die Entwicklung mittragen willst, weil sich das für dich richtig und wünschenswert anfühlt. Warum einen eigenen Weg gehen, wenn du mit andern zusammen das Ziel schneller und sicherer erreichen kannst? Warum nicht Unterstützung bieten, wenn jemand etwas verwirklichen will, das dir ebenfalls am Herzen liegt? In diesen Fällen ist Anpassung positiv.
Kritik- und hirnlose Anpassung andererseits macht uns zu willenlosen Schafen.
Erzwungene Anpassung schafft Aggression und führt zu Sabotage und Rache. Wenn es gilt, für Ethik, Menschlichkeit und Werte einzustehen, dann ist es wichtig, die Standards hochzuhalten, zu verteidigen und dem Abwärtstrend Grenzen zu setzen. Bleib stark, wenn Stabilität, Klarheit und Kontinuität gefordert sind, denn nicht alle Veränderungen sind Verbesserungen! Schau vor allem ganz genau hin, an wen und an was du dich anpasst, denn längerfristig hat Anpassung Auswirkungen auf deinen Charakter – und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird mindestens von aussen teilweise als Identität wahrgenommen. Anpassungsfähigkeit ist demzufolge eine Kompetenz und keine Pflicht. Sie braucht Bewusstsein, Grenzen und Wertorientierung.


Creator

Quelle: Christina Künzle: „Anpassung? Nein danke!“, Ladies Drive Magazin, Nr. 72 (2025/2026), S. 78.

Veröffentlicht online am 10 Feb., 2026
Weitere Artikel aus der Ladies Drive No. 72 (Winter 2025/2026) Ausgabe
Flexibilität? Ja, aber nur in Balance mit Authentizität

Flexibilität? Ja, aber nur in Balance mit Authentizität

Es ist einer dieser wunderbaren Abende: hochkarätige Vorträge mit anschliessendem Netzwerken, Essen und Trinken. Allein die Impulse der charismatischen Redner entfachen ein Feuerwerk an Ideen und Anregungen.
Jeep Wrangler: Je suis flexibelle

Jeep Wrangler: Je suis flexibelle

Ein Raunen ging durch die Foren der Welt, als 2021 allmählich klar wurde:
Selbst der Kult-Wrangler soll verschwinden und durch ein Elektromodell mit neuem Namen und neuem Look ersetzt werden – zumal in Europa. Jeep-Enthusiasten weinen dem kantigen Kultobjekt deshalb jetzt schon nach.
Dr. Cornelia Kawann: Survival of the Flexible

Dr. Cornelia Kawann: Survival of the Flexible

Wie wir uns schlau anpassen, ohne uns aufzugeben.
Everything Is Temporary

Everything Is Temporary

“The greatest danger in times of turbulence is not the turbulence – it is to act with yesterday’s logic.” – Peter Drucker
Anpassen, ohne sich zu verlieren

Anpassen, ohne sich zu verlieren

Wenn ich ehrlich bin: Ich fand es furchtbar. Plötzlich war ich zu Hause. Kein Zug, kein Meeting, kein Termin. Stattdessen Homeschooling, Einkaufen, Kochen.
Let’s Flex!

Let’s Flex!

Wer flexen will, muss flexibel sein. „Flexen“ ist das Jugendwort für „Angeben“ oder „Bluffen“. Aber das dürfte schon bald wieder überholt sein.
Henriette Wendt: Flexibility Is Power

Henriette Wendt: Flexibility Is Power

She’s transformed telecoms, tech, and now energy. For Henriette Wendt, COO at Axpo, success in business isn’t about rigid plans – it’s about empowerment, trust, and the courage to seize opportunities when they appear.
Die Eleganz der Flexibilität

Die Eleganz der Flexibilität

Carole Ackermann interviewt Tara Zehnder, Manager in Training
Flexibilität im Management

Flexibilität im Management

Über Moden und Mythen
Wo Räume atmen: Die stille Kraft der Stéphanie Signorell

Wo Räume atmen: Die stille Kraft der Stéphanie Signorell

Stéphanie Signorell zeigt, dass wahre Flexibilität nicht im Anpassen liegt, sondern im Fühlen – in Räumen, die berühren statt beeindrucken.
Joëlle Germanier: Between War and Wisdom

Joëlle Germanier: Between War and Wisdom

Joëlle Germanier on the Art of Staying Human When Everything Falls Apart
Marina Dimentman: She Nailed It

Marina Dimentman: She Nailed It

When Marina Dimentman removed a gel manicure after her first pregnancy, her nails were ruined – brittle, lifeless, and far from the clean beauty she envisioned. A trained attorney in intellectual property, she applied the same rigour once used in legal briefs to investigate every ingredient label she could find – and found nothing met her standards.
Ausgewählte Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Ladies Drive Magazins werden in Kürze veröffentlicht.
Schau dir alle anderen Artikel aus der Ladies Drive No. 72 (Winter 2025/2026) Ausgabe an

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

Mit dem Abo für 20.- pro Jahr kannst Du Teil der Business Sisterhood sein.
Bestelle das Magazin in unserem Shop.
Ladies Drive No. 72 (Winter 2025/2026) Cover

Folgt uns in den sozialen Medien, um in Kontakt zu bleiben und erfährt mehr über unsere Business Sisterhood!

#BusinessSisterhood     #ladiesdrive

Möchtet Ihr mehr News über die Sisterhood & alle Events?

Werde Kindness Economist und Teil unserer Business Sisterhood!

  • •⁠ ⁠⁠Zugang zu exklusiven Angeboten und Verlosungen, die ausschliesslich für die Newsletter-Community gelten.
  • •⁠ ⁠⁠Erfahre als Erste von unseren Events und profitiere von Spezialkonditionen.
  • •⁠ ⁠⁠Lerne wie wir gemeinsam die Welt bewegen und verändern können.

Jetzt den Ladies Drive-Newsletter abonnieren.

Sie haben den Ladies Drive Newsletter erfolgreich abonniert!

Pin It on Pinterest

Share This