Albert Weil Kolumnist Ladies Drive

Abschied von der Leistungsgesellschaft – Eine Trauerrede

Text: Albert Weil
Foto: Dietmar Beetz

Abschied von der Leistungsgesellschaft – Eine Trauerrede

Text: Albert Weil
Foto: Dietmar Beetz

Liebe Leistungsgesellschaft, mit einer Schaufel Erde in der Hand stehen wir vor deinem offenen Grab. Ich bin, wir sind traurig, denn du hast unser Leben sehr bereichert. Du wirst uns fehlen. An deinem Sterbebett konnte ich dich gerade noch rechtzeitig vor deinem Ableben fragen: Hast du die Welt besser gemacht?

Du hast lange nachgedacht. Ich führte dies auf deinen schon erkennbar schlechten Gesundheitszustand zurück. Weit gefehlt. Nach langem Zögern sagtest du mit klarer, kraftvoller Stimme: Ja und nein. Dein Stolz über dein Lebenswerk, aber auch deine Zweifel füllten danach sprachlos den Raum eine ganze Weile vollkommen aus. Ich war dir in diesem Moment besonders nahe.

Ohne dich wäre die Menschheit nie so weit gekommen.

Ohne dich wären niemals solch riesige Fortschritte in der Medizin, in der Wissenschaft insgesamt erreicht worden. Ohne dich wären wir nicht auf dem Mond gelandet und würden Satelliten nicht die Weite des Universums erforschen und in grossen Teilen der Welt würde Hunger statt Wohlstand herrschen. Ohne dich wären wir an Seuchen wie Pest und Cholera ausgestorben oder stark dezimiert worden.
Höher, schneller, weiter war in grossen Teilen ein Segen für die Menschheit. Es geht ja nicht nur darum, ob ein Formel-1-Auto 300 km/h oder noch schneller fahren kann, es geht zum Beispiel auch darum, einen Impfstoff gegen Corona in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit entwickeln zu können.
Wie habe ich damals gestaunt, als Bob Beamon 1968 in Mexiko den Weitsprungweltrekord um 55 cm auf sagenhafte 8,90 Meter gesteigert hatte. Ein Rekord für die Ewigkeit! Die Ewigkeit dauerte gerade mal 23 Jahre, und dann sprang Mike Powell fünf Zentimeter weiter. Höher, schneller, weiter brachte uns voran. Liess uns jubeln. Du hast – wir alle haben – danach gestrebt, dass es unseren Kindern (noch) besser geht als uns selbst.
Ein kluger Mensch hat mir einmal beigebracht: Ob etwas gut oder schlecht ist, bestimmt der Kontext.

Höher, schneller, weiter ist also nicht per se gut oder schlecht.

Und genau hier wurdest du zerrieben. Von denen, die dich als Leistungsgesellschaft verlacht haben, die dich ausgenutzt haben. Es waren und sind nicht wenige.
Von Menschen, die Solidarität in Anspruch genommen haben, obwohl sie sich selbst hätten helfen können. Von denen, die jeden Vorwand genutzt haben, um sie selbst betreffende Herausforderungen zu meiden. Von denen, die die Lust ohne jegliche eigene Anstrengung und ohne eigene Leistung suchen. Von denen, die Probleme in den Vordergrund stellen und nicht die Lösung suchen. Von denen, die Gott und die Welt verantwortlich machen für ihre Situation, sich selbst aber nicht an die eigene Nase greifen.
Wie hast du gelitten, als du sahst, wie Menschen Judensterne trugen, wenn sie „Spaziergänge“ gegen Coronamassnahmen machten. Sich zu Opfern stilisierten und schlimmste Verbrechen relativierten.
Das ist die eine Seite. Doch die andere Seite hat dir genauso zugesetzt. Diejenigen, die Leistung mit Gier verwechselten und mit unfairen Mitteln den Erfolg suchen. Im Sport ist es Doping, in der Wirtschaft und Politik sind es Korruption, konkurrenzschadender Lobbyismus sowie Duckmäusertum produzierende Unternehmenskulturen. Leistung und Erfolg wurden leider auch zu oft im besten Sinne des Wortes auf verantwortungslose, ja rücksichtslose Weise angestrebt.
Nicht zuletzt: diejenigen, die für ihre Kinder kein Vorbild sind, weil Leistung und beruflicher Erfolg wichtiger waren als Familie und Gesundheit. Oft habe ich schon gehört: So wie meine Eltern will ich in dieser Hinsicht nicht werden.
Genauso wie Lust ohne Anstrengung ein Irrweg ist, so ist es auch Anstrengung ohne Lust oder Leistung und Erfolg ohne Verantwortung und Anstand.
Und dies geschieht, wenn ich Leistung nur auf Status oder Geldverdienen reduziere und Arbeit ohne Sinn und Freude leiste.
Flow, Erfolg durch Anstand und Lust durch Anstrengung zählten zu deinen Lieblingsbegriffen.
Ich weiss noch, wie eine Fernsehsendung dich sehr nachdenklich gemacht hat. Ein Multimillionär wurde gefragt: Stellen Sie sich bitte das (Berufs-)Leben als einen 100-Meter-Lauf vor. Wie viel Vorsprung hat Ihr Sohn oder Ihre Tochter beim Start ins (Berufs-)Leben gegenüber einem jungen Menschen aus einer sozial schwachen Familie? Er sagte, dass es circa 15 Meter seien. Ein hochbegabter junger, leistungsbereiter Mensch aus einer armen Familie antwortete auf die gleiche Frage: 99 Meter.
Du hattest als Leistungsgesellschaft deine Blütezeit, als du Chancengleichheit ins Zentrum deines Wirkens gestellt hast. Ich selbst habe davon sehr profitiert. Ich konnte im 100-Meter-Lauf einige Meter Rückstand beim Start durch Leistung aufholen, aber nur weil du mir die entsprechenden Rahmenbedingungen gegeben hast. Dafür bin ich dir ewig dankbar.
Quelle deiner Zweifel am eigenen Erfolg war auch die Tatsache, dass Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer in vergleichbaren Positionen. Ich sah deine Augen stets leuchten, wenn es Initiativen gab, in denen Frauen und Männer gemeinsam und nicht gegeneinander für diese leistungsgerechte Chancengleichheit der Geschlechter eingetreten sind.

Albert Weil Kolumnist Ladies Drive


Liebe Leistungsgesellschaft, du bist zwar verstorben, doch du lebst in vielen Initiativen weiter.
In deinem Testament – ich durfte es dankenswerterweise lesen – hast du deinen Letzten Willen in erfreulicher Klarheit zum Ausdruck gebracht.
Du hast alle enterbt, die Leistung von der Frage entkoppeln: Ist dies gut für die Menschheit bzw. unseren Planeten? Der Teil der Gesellschaft, der den Erfolg nur auf monetäre Grössen reduziert, der rücksichtslos den Planeten plündert, der Menschen menschenunwürdig behandelt oder unterdrückt, erbt von dir nichts, gar nichts.
Du glaubst weiter an die guten Seiten deines Wirkens zu Lebzeiten. Deinen Segen haben deine Erben. Und diese streben eine Gesellschaft an, die auf Fairness, Leistung, Engagement, Sinn, Anstand und Chancengleichheit beruht und auf einen fairen Wettbewerb untereinander setzt. Dein Letzter Wille sei uns Befehl. Es ist eine Vision – jedenfalls für mich.
Liebe Leistungsgesellschaft, ich danke dir im Namen der hier heute anwesenden Trauergemeinschaft für dein positives Wirken für die Menschheit, ich danke dir für deine Zweifel, für deine Lernbereitschaft und für dein Vermächtnis. Wir werden dich vermissen, doch du wirst bei deinen Erben und in unseren Erinnerungen weiterleben. Doch nicht nur in Erinnerungen, sondern auch bei diversen aktuellen und zukünftigen Themen. Als Beispiel sei nur die Debatte über Pro und Kontra des bedingungslosen Grundeinkommens genannt. Du wirst also nach wie vor gebraucht. Und so kommt zu Trauer und Trost auch ganz viel Zuversicht hinzu.
Du bist also nicht umsonst gestorben.

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