Ich habe kürzlich meine Oma besucht. Sie hat mich gebeten, ihr etwas am Handy zu erklären. Dabei fiel mir auf, dass jemand des Öfteren angerufen hatte. „Warum hebst du nicht ab?“, habe ich sie gefragt. Woraufhin sie meinte: „Wenn ich die Nummer nicht kenne, gehe ich nicht ran. Wartet ja nichts Gutes da draussen.“
Nun ja, so eine gewisse Vorsicht ist in Zeiten von Telefon-Scams bestimmt angesagt. Aber ist es gesund zu erwarten, dass „da draussen nichts Gutes wartet“?
Ist es nicht, sagen die jüngsten Erkenntnisse aus der Happiness-Forschung. Eine pessimistische Einstellung der Führungskräfte färbt auf die ihrer Mitarbeitenden ab. Nicht umsonst waren gemäss Gallups „State of the Global Workplace: 2026 Report“ im Jahr 2025 weltweit nur 20 Prozent der Mitarbeitenden engagiert, 64 Prozent waren nicht engagiert und 16 Prozent aktiv disengagiert. Gallup schätzt den Produktivitätsverlust durch geringe Mitarbeiterbindung auf rund 10 Billionen US-Dollar beziehungsweise 9 Prozent des globalen Bruttoinlandprodukts. Das ist ein Weckruf. Die entscheidende Ressource ist nicht nur die neue Technologie – sondern menschliches Engagement und Wohlbefinden. Happiness ist kein HR-Thema. Es ist ein Businessrisiko.
DER LEADERSHIP-SHIFT
Was können wir als Leaderinnen tun? Welche Gegenmittel stehen uns zur Verfügung? Kim Cameron von der University of Michigan spricht von einem Leadership-Shift: Er beschreibt eine bewusste Abkehr vom defizit- und problemorientierten Führungsstil hin zu einem Ansatz, der gezielt auf Stärken, Sinn, Wertschätzung und Verbundenheit setzt. Führungskräfte richten den Fokus nicht mehr nur auf Fehler, Risiken und Schwächen („Was läuft bei uns falsch?“), sondern stärken gezielt die Ressourcen, Talente und Beziehungen im Team („Was läuft gut, worauf können wir aufbauen?“). Sinn („Purpose“) wird zum handlungsleitenden Prinzip: Positive Leader fragen nicht nur: „Wie erreichen wir das Ziel?“, sondern auch: „Warum ist es wichtig für uns, für unsere Organisation, für die Gesellschaft?“ Cameron und sein Team haben herausgefunden, dass Positive Leadership nicht einfach nur eine sanftere, freundlichere oder nachgiebigere Art zu führen ist. Vielmehr ermöglicht dieser Ansatz aussergewöhnliche Leistungen, weil er gezielt positives Abweichen fördert – also Resultate, die weit über das Gewöhnliche hinausgehen. Positive Leadership ermöglicht es uns, to be surprised by joy – auch im Business.
POSITIVES ABWEICHEN
Wie aussergewöhnlich dieses positive Abweichen sein kann, belegen belastbare Studien: Positive Leader sind 31 Prozent erfolgreicher*, sie verkaufen 56 Prozent mehr**, sie verdienen mehr, bekleiden häufiger Führungspositionen, haben stabilere Beziehungen, machen mehr Umsatz, sind genauer und haben 50 Prozent höhere Innovationsraten***. Happiness lohnt sich also buchstäblich.
Optimismus und Innovationskraft sind eng miteinander verbunden. Optimismus ist unsere menschliche Superkraft. Er hilft uns dabei, neue Möglichkeiten zu sehen, uns von Rückschlägen schneller zu erholen, uns mit anderen zu verbinden und die beste Version unserer selbst zu werden. Optimisten sehen Misserfolg als Einzelereignis (z. B. „Ich habe mich nicht optimal auf das Meeting vorbereitet – ich werde mich beim nächsten Mal besser vorbereiten“), wohingegen Pessimisten generalisieren („Ich bin schlecht im Präsentieren – ich werde das Gremium nie überzeugen“). Das ist auch der Grund, warum sich Optimisten in Krisen- und Stresssituationen besser zurechtfinden.
SCHULD VERSUS SCHAM
Insbesondere für uns Führungskräfte ist hier eine exakte Trennlinie zwischen den Gefühlen Schuld und Scham zu ziehen: Schuld kann sehr hilfreich sein. Sie motiviert uns zur Wiedergutmachung oder Veränderung. Ohne Eingeständnis, dass etwas schiefgelaufen ist, kein Verbesserungsprozess. Scham hingegen führt dazu, dass Menschen sich selbst abwerten, isolieren und ihre Fehler verstecken. Das kann sogar in Sucht, Depression, Aggression und Angststörungen enden, sagt Brené Brown, eine der wichtigsten Stimmen unserer Zeit rund um das Thema Verletzlichkeit. Sie beschreibt Scham als Nummer-1-Innovationskiller: „Scham zersetzt genau den Teil in uns, der daran glaubt, dass wir uns verändern können.“
MIKROINTERVENTIONEN FÜR NICHT PLANBARE FREUDE
Um auf meine Oma zurückzukommen: Die Person, die versucht hatte, meine Oma zu erreichen, war Frau Gaby, eine frühere Nachbarin. Ihre Katze war gestorben und sie wollte meine Oma fragen, ob sie öfter ihre Katzen streicheln kommen könnte. Ausserdem habe sie noch einen stattlichen Vorrat an Katzenfutter, den sie ihr gerne schenken wollte. Vielleicht sollten wir doch wieder öfter das Unerwartete willkommen heissen? Sei es in Form einer fremden Nummer oder eines Lächelns, das wir erwidern? Einfach so, um die Spirale des Glücks in Gang zu bringen?
Surprised by Joy – 5 Mikrointerventionen für die Magie der kleinen Freudensprünge
- Offen sein für das Ungeplante: „Surprised by Joy“ ist ein Plädoyer für Präsenz. Wer achtsam lebt und nicht ständig in Gedanken „woanders“ ist, hat eine grosse Chance, von der Freude überrascht zu werden. Freude findet im Jetzt statt – nicht in der Planung oder der Jagd nach dem nächsten Ziel. Oft erleben wir kleine oder grosse Glücksmomente gerade dann, wenn wir nicht aktiv danach suchen. Plötzlich breitet sich völlig unerwartet ein warmes Gefühl aus – beim Anblick eines Vogels, beim Lachen eines Freundes oder beim Hören eines Liedes. Schnapp dir den Moment und geniesse ihn, umarme ihn oder tanze!
- Die Tiefe der Überraschung: Solche Momente zeigen, dass das Leben – trotz aller Herausforderungen – voller Geschenke ist, wenn wir uns erlauben, sie zu bemerken. Sie haben mit Gnade, Staunen und Dankbarkeit zu tun, nicht mit Leistung oder Kontrolle. Das ist ungewohnt für Führungskräfte. Aber wir können es trainieren!
- Verbindung zu anderen: Oft sind es Begegnungen mit anderen, die uns unverhofft mit Freude erfüllen – durch eine unerwartete Freundlichkeit, ein echtes Gespräch oder gemeinsames Lachen. Beziehungen und zwischenmenschliche Begegnungen sind der Nummer-1-Prädiktor für Happiness.
- „Happiness permission slip“: Wir dürfen der Freude auch Raum geben, wenn wir gerade glauben, sie „nicht verdient“ zu haben. Jeder Mensch darf überrascht werden von Glück, unabhängig davon, wie unperfekt sein Leben gerade erscheint. Oft nämlich sind es unsere – meist unbewussten – Annahmen über das Leben, über Glück oder darüber, was wir „verdienen“, die uns den Zugang zu spontaner Freude versperren. Glaubenssätze wie „Glück muss man sich verdienen“ wirken wie Filter, die uns für die kleinen, überraschenden Freuden des Alltags unzugänglich machen. Hinterfrage deine Glaubenssätze sanft: Muss wirklich alles perfekt sein, damit ich Freude zulassen darf? Wäre es möglich, dass das Leben mir auch einfach so, ganz ohne „Verdienst“, kleine Glücksmomente schenkt?
- Sei du selbst die Veränderung! Ein ehrlich gemeintes Kompliment wirkt wie eine warme Dusche – und es hält lange an. Ausserdem fühlen wir uns selbst besser, wenn wir ein Kompliment machen. Wir versüssen damit also sogar zwei Menschen den Tag!
Quellen:
* Barbara Fredrickson: „Broaden-and-Build“-Studie
** MetLife-Studie zu „Learned Optimism“ von Martin Seligman
*** „Does Happiness Lead to Success?“ (Sonja Lyubomirskys Metaanalyse) und Shawn Achor: „The Happiness Advantage“, Gallup: „State of the Global Workplace: 2026 Report“







