Empfangen – Warum Geld erst dann fliesst, wenn wir aufhören, es zu verdienen

LadiesDrive.World. Anne Müller: Empfangen – Warum Geld erst dann fliesst, wenn wir aufhören, es zu verdienen. Foto: Marcel Kraibuehler

Text: Anne Müller
Foto: Marcel Kraibuehler

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Teil 1 von Anne Müllers dreiteiligem Essay: «Über Geld, Spiritualität und den Fakt, dass beides zusammengeht. Ein Essay in drei Teilen.»

"Hast du nichts, bist du nichts" - dieser Aussage meines Vaters war über Jahrzehnte mein Kompass. Leisten, liefern, leiden, um viel zu verdienen, um damit endlich jemand zu werden. Dann kam die Spiritualität in mein Leben und mit ihr die neue Bürde: Wer wirklich auf einer spirituellen Reise ist, braucht nicht viel. Klingt bescheiden und weise, ist aber schlicht falsch.

Zwei Sätze, die sich gegenseitig ausschliessen, was meinem Kopf aber völlig egal war, denn beide quatschen fröhlich weiter, gleichzeitig, in alle Richtungen, bis ich es in dem Moment durchschaute. Was hier passiert ist nicht das Tauziehen der Gegensätze, sondern die Abwesenheit der eigenen Erlaubnis zu sein, wer ich bin. Da war keine Erlaubnis. Weder für Geld, noch für Fülle, nicht für den Gedanken, dass beides - spirituelles Leben und wirtschaftliche Kraft - gleichzeitig existieren dürfen. Dieser Moment war weniger Erleuchtung als Erleichterung: ich kann beides haben.

Das ist das, was ich seither bei vielen Frauen sehe: es ist dasselbe Muster, oft noch tiefer verankert, hartnäckiger, mit mehr Schichten und Masken drüber. Ein Damoklesschwert aus Glaubenssätzen, das niemand je aufgehängt hat und das sich doch über allem befindet: Reich sein ist nicht spirituell. Geld wollen ist oberflächlich. Wer wirklich gereift ist, braucht wenig.

Was daran so tückisch ist: Es klingt nach Weisheit, ist aber Selbstbeschränkung in edelstem Gewand.

Geld ist ein menschlich konstruiertes Tauschsystem, historisch gewachsen und von Macht und Verteilung durchzogen. Das ist die nüchterne Perspektive. Gleichzeitig ist es auch etwas sehr wichtiges: ein Spiegel. Nicht für den Kontostand - den kennen wir bestens. Sondern für die innere Haltung zu Wert, Würde und dem Empfangen.  

Wer empfangen kann - Geld, Anerkennung, Unterstützung, Zeit - hat diese innere Erlaubnis entwickelt zu sagen: Ja, das gehört mir. Ich habe es nicht gestohlen. Ich muss mich dafür nicht entschuldigen. Gerade für Frauen, die gelernt haben, zu geben, zu organisieren, zu ermöglichen, sich zu opfern und dabei das Empfangen als etwas Passives, fast Hilfloses anzusehen, ist alles andere als selbstverständlich. Spirituell ist Empfangen allerdings das Gegenteil von Passivität. Es ist Offenheit und Resonanz.

Finanzpsychologisch lässt sich dasselbe beobachten: Geldmuster sind erlernte Muster, keine Charakterfragen. Was jemand über Geld glaubt, hat er oder sie in Kindheit, Familie, Kultur aufgenommen - eben "Hast du nichts, bist du nichts." Diese Glaubenssätze bestimmen, was angenommen werden darf und was nicht. Sie entscheiden, ob eine Erhöhung selbstverständlich wirkt oder innerlich wie ein Übergriff anfühlt.

Hier lohnt sich eine Unterscheidung, die selten gemacht wird: Empfangen ist nicht dasselbe wie Verdienen.

Verdienen ist das Modell, das die meisten kennen: Leistung gegen Lohn, Input gegen Output, ein Tausch mit klarer Buchhaltung. Wer nur empfangen kann, wenn er zuerst etwas gegeben hat, hat Empfangen in Abhängigkeit zu Gegenleistungen gesetzt. Es wird zu einer Verpflichtung, einem sich stetig beweisen müssen. 

Wirkliches Empfangen ist bedingungsloser. Es setzt voraus, dass ich meinen eigenen Wert nicht täglich neu berechne und nicht sofort zurückgebe, um ein Gleichgewicht wiederherzustellen, das nie aus der Balance geraten ist.

Das ist kein esoterischer Gedanke, sondern ein psychologischer Befund: Wer seinen Selbstwert stark an Leistung koppelt, empfängt nicht - er kämpft um sie.

Und dann ist da noch die weitaus elegantere Variante: die Frau, die Spiritualität als Grund nutzt, um Geld zu vermeiden. Die sich einredet, dass sie ohnehin nicht viel braucht. Dass Bescheidenheit tugendhaft ist. Dass Wohlstand die Anbindung zur obersten Quelle versiegen lässt - ein fliessender Gedanke, der die eigene Energie aber auch nur abfliessen lässt.

Geld entsteht nicht durch Affirmationen. Wirtschaftliche Realität bleibt wirtschaftliche Realität: Preise, Leistung, Markt, Timing, Können. Wer das ausblendet, kommt der inneren Wahrheit vielleicht näher, nur nicht dem erfüllten Kontostand.

Was spirituelles Denken leistet, ist ein anderes: Es öffnet dir die Augen für deine ganz eigene Grösse und für das, was dich davon abhält, sie zu zeigen.

Empfangen ist der erste Baustein im Fluss des Geldes. Es ist der Eingang.

Und wenn dieser Eingang - bewusst oder unbewusst - verengt ist, durch Schuldgefühle, durch falsch verstandene Bescheidenheit, durch den Gedanken, dass Geld und Tiefe sich gegenseitig ausschliessen, dann hilft weder härteres Arbeiten noch meditativere Stille. Dann braucht es zuerst diese eine, schlichte, manchmal erschreckend einfache Frage:

Warum erlaube ich mir meine Fülle nicht?

Die Antwort ist keine Affirmation. Sie ist deine ganz eigene Bestandsaufnahme - die, die dich verstehen und wachsen lässt.

Und das Damoklesschwert? Lass es hängen, wo es hängt. Du musst es nicht abschneiden. Du musst nur aufhören, darunter stehenzubleiben.

Im zweiten Teil: Halten - über die Intelligenz des Innehaltens.


Creator
Anne Müller
Gastautorin

Veröffentlicht online am 7 Aug., 2026

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