Lebensentwurf 2.0 – Frauen als Pioniere

Text: Christian Ott

League of Leading Ladies Conference 2026

LD73 – Mag

In den Medien wird ständig im Grossformat über erfolgreiche Frauen berichtet. Leider beziehen sich fast alle Berichte auf Frauen, die einer klassischen Linienkarriere gefolgt sind. Besonders beliebt sind die wenigen, die es in oberste Kaderpositionen in grossen Konzernen geschafft haben.

Das Thema Frauen und Karriere im Bewusstsein zu halten, ist grundsätzlich positiv, auffallend ist jedoch, wie unkritisch die Berichterstattung gegenüber den Protagonistinnen gehalten ist. Immer eine Spur zu wohlwollend und bewundernd, sodass der Leser zwischen den Zeilen immer noch etwas vom Minderheitsbonus spürt. Die positive Wirkung wird beeinträchtigt, weil die Portraits von Journalistinnen und Journalisten zu oft benutzt werden, um die ewig gleichen Umstände zu bedauern. Es wird beweint, dass die Welt ungerecht ist und Frauen in Führungsgremien nur spärlich vertreten sind, und es werden die vielen Entbehrungen, die mit diesem Job verbunden sind, und die eiserne Disziplin und Gratwanderung, es trotz Kindern und Mann bis ganz nach oben geschafft zu haben, beklagt.

Bei der grossen Begeisterung für diese Entbehrungen und Anpassungsleistungen wird vergessen, dass man damit keine Lanze für die Sache der Frau bricht. Im Gegenteil. Leider wird immer noch der Erfolg und damit die Leistung der Frau am männlichen Prinzip gemessen.

Die Frau hat inzwischen wirklich bewiesen, dass sie einem männlichen System genügen kann. Erfolg bedeutet hier, alle persönlichen Bedürfnisse hinter die Ziele Status, Geld und Einfluss, die mit solchen Positionen einhergehen, zu stellen. Das ist auch unvermeidlich, schliesslich wurden diese Konzerne ausnahmslos von Männern gegründet, aufgebaut und werden nach wie vor von ihnen kontrolliert (siehe Kolumne LD Nr. 21).
Wo bleiben die Unternehmerinnen in diesen Berichterstattungen,

  • die persönliche Risiken in Kauf nehmen,
  • eigenes Kapital einsetzen und
  • ihre ganze Persönlichkeit und Passion in ein eigenes Unternehmen investieren?

Diese müssen ihren Erfolg nicht an den Massstäben der Konzernkulturen messen und gewinnen damit mehr Freiraum für individuelle Lebensentwürfe.
Die Gesellschaft in unseren Breitengraden entwickelt derzeit in einem leisen, evolutionären Prozess sukzessive neue Lebens- und Leistungsmodelle. Die klassische Konzernkarriere wird von jungen Potenzialträgerinnen noch gerne zum Sammeln erster Erfahrungen im „richtigen“ Leben herangezogen oder bleibt als Plan B für dürre Zeiten.

In heutigen Karrieren geht es also nicht mehr darum, den schnellsten Lift nach oben zu wählen, sondern Erfüllung, Herausforderung und „Broterwerb“ in ganzheitliche Lebensentwürfe einzubetten. Diese Haltung bringt mit sich, dass grössere persönliche Risiken und auch finanzielle Einbussen in Kauf genommen werden. Dafür verbinden sich Arbeit, Freizeit und Familie zu einer Life-Balance anstatt zu einer Work-Life-Balance. Dieses Leben bietet den notwendigen Spielraum und die Gestaltungsmöglichkeiten für neue Lebensentwürfe, Erwerbs- und Familienkonzepte.

Unternehmertum ist eine dieser Varianten der Life-Balance, denn sie beinhaltet die Möglichkeit, Spielräume zu schaffen, um gesamtheitliche Lebensentwürfe zu gestalten. Der klassische CEO als Angestellter eines Konzerns hingegen bewegt sich auf hohem Niveau beruflich und privat in engen Grenzen. Nicht der Markt ist hier der Taktgeber, sondern die Erwartungen der Kapitalgeber.

Aus Geschichten, Erfahrungen und Werten von Unternehmerinnen könnten wir lernen, wie neue Rollenmodelle für kommende Generationen aussehen könnten. Diese Unternehmerinnen haben bereits Probleme mit Lebensgestaltung, Beziehung, Familie und Erwerbsarbeit auf ihre Weise gelöst. Und das, ohne sich öffentlich über fehlende Möglichkeiten im System zu beklagen. In diesen Geschichten steckt ein echter gesellschaftlicher Mehrwert.

 

Sie sind nicht meiner Meinung oder möchten Sie noch mehr Hintergründe erfahren? Schreiben Sie mir (christian.ott@altervision.ch)!

 

*Christian Ott ist Unternehmer und Inhaber der Altervision GmbH und seit 2008 spezialisiert auf die Analyse von Unternehmenskulturen. Er ist u. a. Sparringpartner für Businessfrauen mit Ideen. www.altervision.ch

 

Veröffentlicht online am 13 Jan., 2014

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