«I just can’t get you out of my head» singt die Dauerschleife in meinem Kopf, als ich mich auf den Weg zu einem Interview mit Kylie Minogue mache. Der Song erschien auf ihrem achten Studioalbum, das 2001 den Musikmarkt bereicherte und katapultierte die australische Sängerin in meiner ganz persönlichen Wahrnehmung vom Popsternchen zur arrivierten Künstlerin, die Musikfachpresse bezeichnete das Album «Fever», auf dem dieser Song unter anderen zu finden ist, als ihr ganz grosses Comeback. Nur schon optisch hatte sich Kylie Minogue verändert. Sie war erwachsen geworden, selbstbewusst, schien ihren Stempel des netten Mädchens von nebenan endgültig abgestreift zu haben. Was war passiert? Sie hatte ihr Image selbst in die Hand genommen, sich emanzipiert, eigene Songs geschrieben, ihren Weg gefunden.

Hauptberufung Sängerin
Das persönliche Treffen am Tag ihres Konzertes in Zürich unterstreicht diesen Eindruck, der inzwischen schon wieder über 20 Jahre zurückliegt. Und abgesehen davon, dass ihre Songs, vor allem die älteren, Dauergäste in vielen Radiostationen sind, hätte ich nicht sagen können, wie erfolgreich und mit was genau die Powerfrau heute unterwegs ist. Laut eigener Aussage an diesem Tag sind und bleiben ihre Lieblingsbeschäftigungen wohl noch sehr lange in erster Linie Musik, Liveauftritte und Nähe schaffen zu ihren Fans. Aber Kylie Minogue ist auch aktiv, um ihre unternehmerische Seite zu promoten. Vor fünf Jahren wurde sie von Paul Schaafsma kontaktiert. Paul Schaafsma führt in London die Firma Benchmark Drinks. Das Konzept ist einfach: Man nehme eine international bekannte Persönlichkeit, kreiere mit ihr oder ihm ein Getränk und vermarkte es. Die Geschäftsidee ist allerdings nicht zu verwechseln mit dem Nutzen von Ambassadeuren oder dem Finden eines «Gesichts» zu einem Getränk. Wer von Paul Schaafsma angefragt wird, lässt sich auf eine Reise in die Welt der Weine oder des Gins ein und ist gefordert, jede Entscheidung mitzutreffen, Weingüter oder Destillerien zu besuchen, mit anzupacken, das Metier verstehen zu lernen. Das macht er, der das Round-Table-Gespräch mit Kylie Minogue persönlich leitet, unmissverständlich klar. In seinem Portfolio findet man bereits Kooperationen mit Schauspielerin Sarah Jessica Parker, Starkoch Gordon Ramsay und Sänger Gary Barlow, alle mit Wein, und Talkmaster Graham Norton mit Wein und Gin. Und seit fünf Jahren Kylie Minogue Wines.

Ein Welt in Rosa
Sie habe schon 2017 bei einem Dinner in Nashville die Idee entwickelt, einmal selbst Rosé machen zu wollen, erzählt Kylie Minogue glaubhaft. Drei Jahre später wurde sie von Paul Schaafsma kontaktiert. Es folgten intensive Tastings, die Suche nach den perfekten Weingütern, das Kreieren einer Kylie-Flasche, Entwurf des Labels, das Konzipieren einer lieblich-rosigen Markenwelt und dem Lernen der grundlegenden Dinge, die man für Weinhandel wissen muss.




Derzeit sind unter ihren inzwischen neun Blends französische und italienische Weinsorten, man spielt mit dem Gedanken, auch mal australische zu verwenden, aber nicht aktuell. Über 20 Millionen Flaschen wurden seit Start des Labels Kylie Minogue Wines bereits in über 30 Ländern verkauft. Eine Frage nach weiblichem Unternehmertum in Australien beantwortet Kylie Minogue mit ihrer eigenen Geschichte. Sie betont, dass sie erzogen worden sei, als Frau alles erreichen zu können, ihre Eltern hätten ihr und ihrer Schwester nie das Gefühl gegeben, Mädchen könnten irgendetwas nicht. Sie hat auch nicht den Eindruck, sich mit ihrer Rolle als Weinkreateurin in einer männlich dominierten Welt zu befinden. Sie mache was sie will, sagt sie. Endlich. Denn es habe auch Zeiten gegeben, wo sie sich nicht wie sie selbst gefühlt habe, nicht so sein konnte, wie sie wollte. Sie hat einen ähnlichen Weg zurückgelegt wie die Brittney Spears’, Justin Timberlakes und Christina Aguileras der amerikanischen Popszene, die alle im Fernsehen als Teenager im Disney Channel ihre Sporen verdienten, bevor sie eigenständige Stars wurden. Kylie Minogue spielte schon als 10-Jährige kleine Rollen im Fernsehen, wurde landesweit berühmt mit einer Rolle in der australischen TV-Soap Opera «Neighbours». Dann kam sie zum Singen, das Cover «Locomotion» von «The Loco Motion», original aus dem Jahr 1962, markierte 1987 – da war sie 19 Jahre alt – ihren Durchbruch. Man kann nachvollziehen, dass Kylie Minogue in den ersten Jahren von ihren Produzenten geformt wurde und sich formen liess, bevor sie nach und nach mehr Kontrolle über ihr eigenes Image erlangte. Heute sei ihre Zeit, sagt sie strahlend, sie habe es sich verdient und fügt entwaffnend hinzu: «I’m making stuff!». Das tut sie. Ob einem ihre Rosés schmecken oder nicht, kann jede und jeder für sich selbst entscheiden. Aber Respekt vor der Leistung dieser kleinen starken Persönlichkeit, sich durchzubeissen in dieser unerbittlichen Welt der Berühmtheiten, wo es die öffentliche Meinung nach Belieben Kritik hageln lässt oder Lob spendet, das ist ein herzhaftes «Cheers!» wert.
