Andrea Hartmann: Big 5 in den vier Wänden

Text: Claudia Gabler
Foto: Rebecca Bolardt

Ladies Drive. Andrea Hartmann: Big 5 in den vier Wänden

Wer bin ich – und wie will ich leben? Was tut mir gut? Was gibt mir Energie – und was raubt sie mir?

Diese Fragen sollten wir uns nicht nur im Job oder in Beziehungen stellen, sondern auch dann, wenn es um unsere eigenen vier Wände geht, ist Andrea Hartmann überzeugt. Die Interior Designerin über authentisches Wohnen, kraftraubende Fassaden und warum Leader:innen öfter zu sich nach Hause einladen sollten.

Ladies Drive: Andrea, warum spielen Wohnräume so eine wichtige Rolle, wenn wir agil bleiben und trotzdem Stabilität und Ruhe finden wollen? 

Andrea Hartmann: Auch wenn es draussen turbulent ist: Auf den Wohnraum kann man sich verlassen. Wenn man ihn richtig nutzt. In Zeiten der Veränderung braucht jeder Mensch einen Platz, wo er auftanken und Kraft schöpfen kann. Unsicherheit im Aussen bedingt, dass ich mitschwinge und mich anpasse. Das Zuhause ist der Ort, wo ich das nicht muss. 

Die Wissenschaft nennt es «Restorative Niche», also eine Nische, in der du du sein kannst. 

Absolut! Diese Nische so zu gestalten, dass sie zu einem passt, ist der spannende Teil meiner Aufgabe. Ich führe mit meinen Kund:innen zu Beginn immer ein ausführliches Gespräch und frage nach den Wünschen, den Bedürfnissen und der Familiensituation. Auf dieser Basis erstelle ich die ersten Konzepte. Wenn es einer Überarbeitung bedarf, weiss ich, wir sind zu wenig in die Tiefe gegangen. Wir müssen an die Grundbedürfnisse ran. Nicht jede Kundin öffnet sich im ersten Gespräch. 

Woran liegt das?

Kundinnen, die in sehr strukturierten Feldern arbeiten, sind privat möglicherweise sehr offene Typen, die Farben und unterschiedliche Formen lieben. Aber der Alltag, in dem sie sich bewegen ist grau, strukturiert und läuft nach einem vorgegebenen Konzept ab. Sie getrauen sich oft nicht zu sagen, dass sie eigentlich gar nicht grau sind. 

Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen Wohnräume zu gestalten? Hattest du auch viel grau um dich herum?

Ich hatte tatsächlich ein Schlüsselerlebnis in meiner früheren Arbeit als Geschäftsführerin einer Kreativagentur. In multinationalen Konzernen habe ich Bürosituationen und dunkle, kleine Einheitsbüros vorgefunden, die gar nicht inspirierend waren. Aber wenn ich die Schreibtische angesehen habe, konnte ich bei jedem einzelnen eine Landkarte der Persönlichkeit entdecken. Das war erstaunlich! Irgendwann habe ich mich gefragt: Will ich weiterhin Marken zum Erfolg verhelfen? Oder möchte ich lieber Wohnräume schaffen, in welchen sich Menschen entfalten können?

Du hast es gewagt und dich beruflich neu orientiert. Was war das Reizvolle für dich?

Ich war weniger interessiert an der Möblierung eines Raumes. Vielmehr wollte ich wissen: Wer wohnt da? Welche Bedürfnisse hat diese Person? Ich wollte nie einen Abdruck hinterlassen, ich möchte an die Struktur heran. Es wäre für mich kein Kompliment, wenn man dem Raum ansieht, dass ich ihn gestaltet habe. Wenn man die Handschrift des Innenarchitekten deutlich sieht, hat man viel an Individualität eingebüsst. Die entscheidende Frage ist: Kann die Familie, kann das Paar, kann der Mensch in seinem Zuhause Kraft tanken? Dafür braucht es keine Villa am Zürichsee. Das kann in jedem Wohnraum gelingen. 

Man kann seine Persönlichkeit auch hinter grossen Namen von Architekten und Interior-Designern verstecken. 

Da gebe ich dir vollkommen recht. Es ist eine gewisse Hürde da, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und in die Tiefe zu gehen. Auch denken viele, dass eine Innenarchitektin mit hohen Kosten verbunden ist. Dabei ist es deutlich nachhaltiger, sich professionelle Hilfe zu holen und ein Zuhause zu schaffen, das einen für viele Jahre glücklich macht. Das bedeutet nicht, dass man dann nie wieder Veränderungen vornimmt. Aber ich versuche in der Gestaltung eine Grundstruktur zu schaffen, die viel Raum für Flexibilität lässt. In einem solchen Rahmen ist man langfristig nicht nur glücklicher und zufriedener. Es ist auch budgetfreundlicher. Man sollte sich nie so einrichten, wie die Wohnzeitschrift oder der Trend vorgibt. Wenn sich meine Kund:innen von diesem Druck von aussen befreien, merke ich, dass es fliessend weitergeht. Oft sind es kleine Veränderungen, die Grosses bewirken. Manchmal führt aber auch die kleine Veränderung zu einer kompletten Renovierung.

Wie kommst du mit deinen Kund:innen in die Tiefe?

Ich habe einen Fragenkatalog entwickelt, den wir zusammen durchgehen. In dem geht es u.a. um Rituale, beispielsweise wo und wie man seinen Morgenkaffee trinkt. Viele haben morgens zu wenig Zeit, um sich an den Küchentisch zu setzen. Das kann ich bei der Küchenplanung berücksichtigen und eine Zone einplanen, wo man schnell, aber trotzdem gemütlich und krafttankend in den Tag starten kann. Das sind kleine Dinge, die aber den ganzen Tag beeinflussen. Wenn ich gestärkt das Haus verlasse und zum Beispiel auch eine gut geordnete, strukturierte Garderobe habe, wo ich nicht jeden Morgen Stunden verbringe, weil ich nichts finde oder immer nach dem Gleichen greife, gehe ich anders aus dem Haus. Das sind Dinge, die mit Bedürfnissen und nicht mit der Höhe des Budgets zusammenhängen. 

Wie gehst du vor, wenn unterschiedliche Persönlichkeiten beispielsweise in einer Familie zusammenwohnen?

Ein hilfreicher Ansatz kommt aus der Persönlichkeitspsychologie: das Big-Five-Modell (OCEAN). Studien zeigen, dass sich die fünf grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale auch auf Wohnpräferenzen übertragen lassen. Sie helfen Wohnräume individuell und nachhaltig zu gestalten – weil sie auf echten Bedürfnissen beruhen, nicht auf Trends. In Familien oder Beziehungen geht es darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ist die Familie offen, werden sie oft Freunde einladen? Dann braucht es auch den Raum dafür. Eine strukturierte Persönlichkeit braucht Ordnung. Klare Linien und Symmetrien helfen am Rückzugsort. Jemandem, der offen ist für Kreatives, das aber vielleicht in seinem Job nicht ausleben kann, schlage ich etwas Mutiges vor. Es ist schön zu sehen, wie Leute aufblühen und aus sich herausgehen, wenn sie sich wohl und verstanden fühlen. 

Hattest du auch schon Aha-Erlebnisse im Zuge eines solchen Prozesses?

Ja, die gibt es ganz oft. Vielmals sind bei den Paaren die Männer eher zurückhaltend, wenn es um Farben und Tapeten geht. Wenn sie dann aber merken, es passt zu ihnen, dann wachsen sie über sich hinaus und beziehen daraus eine innere Stärke. Wenn man sich im Privaten getraut, mutig zu sein, bringt man das auch in das Arbeitsumfeld ein. Man wird stärker, stabiler, eins mit sich selbst. Das darf man nicht unterschätzen. Die Veränderung findet dann statt, wenn man sich bewusst mit sich auseinandersetzt. 

Empfiehlst du Führungskräften, ihr Team zu sich nach Hause einladen?

Absolut! Das vermittelt ein ganz anderes Bild von einer Führungskraft. Ich weiss, viele scheuen sich davor, weil sie nicht zu viel von sich preisgeben wollen. Aber wenn einem das Team in den eigenen vier Wänden erlebt, ist das sehr vertrauensfördernd und teambildend. Das gibt Stärke und schafft Nähe, aus der viel Neues entstehen kann. Ich plädiere dafür, Türen zu öffnen, anstatt Fassaden aufrecht zu erhalten. Das bringt uns auch als Gesellschaft auf eine neue Ebene.

Hast du 3 Tipps für uns, die jede:r sofort und mit wenig Aufwand bei sich zuhause umsetzen kann? 

Am besten achtet man auf seinen Tagesablauf: Wie starte ich in den Tag? Vielleicht investiere ich in einen kleinen Stehtisch oder positioniere den Sessel so, dass ich bei meinem Morgenkaffee nach draussen schauen kann. Der Besuch einer Kunstausstellung kann inspirieren. Vielleicht nimmt man einen Druck mit, lässt ihn rahmen und erfreut sich täglich an dem schönen Moment, den man dort erlebt hat. Oder man räumt ein Regal auf und sorgt dafür, dass sich das Auge beruhigen kann. Neue Tischlampen können Wunder bewirken. Oft hat man nur eine Lichtquelle, und die ist zu hell. Zusätzliche Lichtquellen lassen sich schnell realisieren, ohne dass man den Grundriss ändern oder viel Geld investieren muss. Und sie wärmen die Seele – besonders jetzt im Winter.


Interior Designerin Andrea Hartmann begleitet Frauen, Männer, Paare und Familien dabei, Räume zu gestalten, die Kraft, Klarheit und Authentizität schenken – innen wie aussen. Das Erstgespräch ist kostenlos – und oft reicht das auch für eine erste Inspiration. Und manchmal ist der richtige Zeitpunkt gekommen, um die nächsten Schritte zu machen – hin zu einem Wohnraum, der wirklich und nachhaltig zu einem passt.

www.interior-mind.com


Creator
Claudia Gabler
Beitragsautorin

Veröffentlicht online am 17 Dez., 2025

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